Testen Normieren Kontrollieren CSD e.V. uebt politische Zensur aus


PRESSE-ERKLAERUNG:

Bei der diesjaehrigen Christopher-Street-Day-Parade in Hamburg (9.6.2001) wurde versucht, die Wagen des Buendnisses fuer einen politischen CSD durch Polizei-Einheiten und Ordner des CSD e.V. aus der Parade zu draengen. Das Buendnis fuer einen politischen CSD, das sich unter dem Namen "Abnormals Anonymous" zusammengeschlossen hatte, hat unter dem Motto "Normkontrolle" gegen polizeiliche Razzien, gegen zunehmende staatliche Repression gegenueber unerwuenschtem Verhalten sowie gegen biologistische Normierungen von Menschen im allgemeinen und von Schwulen, Lesben und transgender Menschen im besonderen protestiert.

Den OrganisatorInnen der CSD-Parade war dies offensichtlich ein Dorn im Auge und sie versuchten, politische Zensur auszuueben. Unter dem Vorwurf, ein oder gar zwei Ordner seien von der Person, die den Kleinwagen gefahren hat, angefahren worden, wurde die Polizei von OrganisatorInnen des CSD hoechstpersoenlich bemueht, den Kleinwagen aus der Parade zu entfernen. An der Kreuzung Steinstrasse/Steintorwall, an der nur wenige PassantInnen standen, stuermten 30 PolizistInnen in Kampfuniform mit teilweise geschlossenem Visier und gezogenen Schlagstoecken um ca. 14 Uhr im Auftrag des CSD. e.V. den als "Genlabor" dekorierten zweiten Wagen, stellten die Personalien der Person, die den Wagen gefahren hat, und verschiedener auf der Pritsche befindlicher Personen fest.

Durch das beherzte und energische Auftreten der "Abnormals Anonymous" und das Dazwischentreten anderer TeilnehmerInnen der Parade liess die Polizei schliesslich mit der Bemerkung, dies sei das falsche Fahrzeug, von dem Wagen ab. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kleinwagen die Parade bereits verlassen und wurde in der Ost-West-Strasse von mehreren Polizeifahrzeugen vehement zum Stehen gebracht. Als Grund fuer diese Verkehrskontrolle wurde der Vorwurf gegen die Person, die den Wagen gefahren hat, erhoben, Koerperverletzung und Fahrerflucht auf der Parade begangen zu haben. Nach Aufnahme der Personalien wurde die Person zu einem Alkoholtest gezwungen.

WIR STELLEN HIERZU FOLGENDES FEST:

Der Vorwurf, ein oder gar zwei Ordner waeren von der Person, die den Kleinwagen gefahren hat, angefahren worden, ist absolut aus der Luft gegriffen und ein Vorwand, politische Zensur auszuueben. Dies laesst sich auch daran erkennen, dass zwischen dem vermeintlichen "Anfahren" und dem Vorwurf des Anfahrens fast zwei Stunden liegen, in denen die beiden Ordner sich koerperlich uneingeschraenkt auf der Parade bewegten. Die OrganisatorInnen des CSD verweigerten jede Gespraechsbereitschaft, da sich zumindest eine Mitarbeiterin in der Naehe des Wagens aufhielt, ohne auf die vermeintlich Fahrerfluechtigen zuzugehen. Der Einsatz von bewaffneten Polizei-Truppen auf dieser Parade ist voellig unverhaeltnismaessig, um die Papiere und Fahrtauglichkeit einer Person zu ueberpruefen.

Der Versuch des CSD e.V., politische Zensur auf einer CSD-Parade auszuueben und sie von der Staatsmacht realisieren zu lassen, ist eine Anmassung. Die Behauptung des CSD e.V., er spreche fuer die Interessen aller Schwulen und Lesben und er entscheide, wer unter welchen Bedingungen auf der CSD-Parade mitlaufen duerfe und wer nicht, ist nicht hinzunehmen. Es gibt kein Monopol des CSD e.V., fuer die Interessen von Schwulen, Lesben und transgender Menschen zu sprechen.

Die Anmassung des CSD e.V., eine Gebuehr (!) fuer die Teilnahme an einer politischen Demonstration zu erheben, ist ein bitterer Ausdruck des Ausverkaufs einer politischen Bewegung an den Kommerz. So wird schon im Vorfeld eine politische Zensur ausgeuebt, da viele politische Gruppen eben nicht das Geld aufbringen koennen, einen Wagen zu finanzieren und auch noch eine Teilnahmegebuehr zu entrichten. Dies ist bereits beim letzten CSD deutlich geworden, an dem zahlreiche Lesben-Gruppen wegen der finanziellen Anforderungen nicht mit einem eigenen Wagen teilnehmen konnten.

Der CSD wird gefeiert, um an den Aufstand von Schwulen und Lesben, Dragqueens, Prostituierten und Strichern gegen eine Razzia der New Yorker Polizei im Stonewall Inn in der Christopher Street 1969 zu erinnern. Wir sprechen dem CSD e.V., das Recht ab, sich auf dieses historische Ereignis zu beziehen. Wir fordern die sofortige Einstellung des Ermittlungsverfahrens wegen Koerperverletzung und Fahrerflucht.

Offenen Brief von Prof. Dr. Fimzsch an den Vorsitzenden des CSD e.V.
-- von Abnormals Anonymous - Buendnis fuer einen politischen CSD 2001


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