Queerer Christopher Street Day

Anlaesslich des 33. Jahrestags der Stonewall Riots vom 27. Juni 1969 wollen wir einen queeren politischen Christopher Street Day veranstalten.


Die Stonewall Riots waren ein Aufstand gegen massive staatliche Repressionen queerer Lebensweisen. Drag queens, butches und femmes, groesstenteils aus der Unterschicht oder aufgrund ihres nicht normgerechten Verhaltens verarmt und obdachlos geworden, People of Color, Stricher, diejenigen, die ueberall sonst ausgeschlossen wurden und sich keine anderen Orte leisten konnten, lieferten sich anlaesslich einer Razzia im Stonewall Inn eine dreitaegige Strassenschlacht mit der Polizei.

Das heisst, Stonewall war gleichermassen ein Aufstand von Transgender-Menschen, Schwulen und Lesben.
Bei Stonewall ging es darueber hinaus nicht nur um Rechte fuer Homosexuelle, sondern um die Verbindung aller moeglichen Kaempfe gegen Unterdrueckung (Rassismus, Armut, Sexismus, Obdachlosigkeit, ...) weil die Unterdrueckung von Transgender-Menschen, Schwulen, Lesben und Bisexuellen untrennbar mit anderen gesellschaftlichen Machtverhaeltnissen verbunden ist.

Die an den Riots beteiligte Latina drag queen Sylvia Rivera erklaerte in einem Interview: "We were fighting for our lives" ("Wir haben fuer/um unser Leben gekaempft").

Deshalb kann es fuer uns bei queerer Politik nicht darum gehen, sich in der herrschenden Gesellschaftsstruktur einzurichten, sondern radikale gesellschaftliche Kritik zu formulieren und umzusetzen.

Queer bedeutet fuer uns die Kritik an strukturellen Hierarchien und Normierungen, vor allem in Bezug auf Geschlecht und Sexualitaet. Mit strukturellen Hierarchien, die miteinander und ineinander verwoben sind, meinen wir zum Beispiel Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie, "Behinderten"feindlichkeit, Nationalstaatlichkeit und oekonomische Ausbeutung. Beispiele fuer Normierungen, die fuer Geschlecht und Sexualitaet eine besondere Bedeutung haben, sind Heterosexualitaet, die Beschraenkung auf bestimmte Sexualpraktiken, oekonomische Verwertbarkeit, Gesundheits- und Schoenheitsideale wie Jugendwahn, die Privilegierung von Kernfamilie, Ehe und lebenslanger (monogamer) Zweierbeziehung.

Dies beinhaltet fuer uns auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Normen und Ausschlussmechanismen, die wir in unseren eigenen Subkulturen (re)produzieren.

Bei queerer Politik im Rahmen unserer Veranstaltung geht es uns darum, dass fuer Personen mit den unterschiedlichsten Schutzbeduerfnissen Freiraeume geschaffen werden koennen. Jede der oben genannten Hierarchien und Normierungen kann Schutzbeduerfnisse hervorrufen und einige koennen im Widerspruch zueinander stehen. Uns ist klar, dass wir Schutzraeume nicht einfach so bereitstellen koennen, sondern dass "Wir" der staendigen Auseinandersetzung und Verhandlung bedarf. Unsere Veranstaltung richtet sich in erster Linie an Transgender-Menschen, Intersexuelle, Lesben, Schwule, Bisexuelle, Tunten, butches und femmes sowie diejenigen, die sich nicht einem Label zuordnen wollen. Wir hoffen daher, dass wenigstens in dieser Hinsicht ein repressionsfreier Raum entsteht. Darueber hinaus ist es uns ein zentrales Anliegen, die herrschende heterosexuelle "Normalitaet" auszuhebeln, mit der queere Menschen nach wie vor alltaeglich konfrontiert sind.

In diesem Sinne sind die geplanten Veranstaltungen kein Schnupperangebot an die linke, tolerante Heterowelt. Wir sind nicht die willkommene exotische Abwechslung im heteronormativen Alltag. Queere Subkultur naschen entledigt nicht von der Auseinandersetzung mit Stereotypen und Machtverhaeltnissen in heterosexuellen Zusammenhaengen. Zu queerer Praxis gehoert mehr als ein abstraktes theoretisches Polit-Interesse.

Queer heisst fuer uns nicht postmoderne Beliebigkeit!

Gerade in Anbetracht der vielgepriesenen rechtlichen und tatsaechlichen "Verbesserungen" fuer Homosexuelle waehrend der letzten Jahre halten wir es fuer wichtig, den neoliberalen Charakter herrschender Politik, der von der schwul-lesbischen Lobbypolitik uebernommen wurde, zu hinterfragen. Gewollt ist damit allein die Integration derjenigen, die oekonomisch verwertbar erscheinen und geeignet sind, sich in die Rahmenbedingungen der buergerlichen Konsumgesellschaft einzupassen.

Vor den Stonewall Riots versuchten die Mattachine Society und die Daughters of Billitis sich durch Anpassung an die heterosexuellen Normen eine Lobby fuer schwul-lesbische Rechte zu erkaempfen. Die Subkultur, zu der auch das Stonewall Inn gehoerte, bestand dagegen hauptsaechlich aus Tunten, Transen, Butches und Femmes, Sex Workern usw, die sich nicht anpassen konnten oder wollten. Mit den Stonewall Riots begannen auch sie, politisch aktiver zu werden, und der Strategie der Mattachine Society die der Gay Liberation entgegenzusetzen. Somit polarisierten die Stonewall Riots die damalige schwul-lesbische Community. Auch heute geht es wieder um widerstreitende politische Interessen innerhalb der Community, naemlich einer Politik der Anpassung an gesellschaftliche Normen, um akzeptiert zu werden versus dem Versuch, eben diese Normen grundsaetzlich in Frage zu stellen.

Bei dem kommerziellen CSD im letzten Jahr gipfelte dieser Konflikt darin, dass vom Vorstand des CSD-Vereins die Polizei gerufen wurde, um unliebsame TeilnehmerInnen aus dem Paradezug zu entfernen.

Nachdem bereits im Vorfeld kritische Artikel aus der offiziellen CSD-Broschuere entfernt wurden, bedeutet dieses Vorgehen auf der CSD-Parade einen weiteren Versuch der Zensur von seiten des CSD-Vereinvorstands. Darueber hinaus wollte der Vorstand auf einer Veranstaltung, die sich auf die Stonewall Riots beruft, die vor allem auch eine direkte Antwort auf Polizeigewalt darstellten, kritische Stimmen mit Polizeigewalt aus der Parade entfernen lassen.

Um dem etwas entgegenzusetzen, waehlen wir die Form einer viertaegigen nicht-kommerziellen Veranstaltungsreihe. In diesem Rahmen wollen wir uns mit queerer Politik auseinanderzusetzen und neue Perspektiven trans-les-bi-schwuler Politik entwickeln.

Geplant sind Diskussionen, Filme, eine Demonstration usw., aber auch ein Konzert, eine Party, eine Bar: Spass statt Kommerz!

In Zeiten wie diesen - mit Sicherheit queer!


Zur Seite der QUERRR STREET DAYS http://www.queerrrstreetdays.de

Bericht auf etuxx ueber die QUERRR STREET DAYS http://www.etuxx.com/diskussionen/foo147.php3


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