Heute flackern medienwirksame Bilder der Christopher Street Days (CSDs) über die Fernsehschirme, bei denen sich Innenstädte in glamouröse Partyzonen verwandeln. Diese Paraden gehen zurück auf die Riots in der Christopher Street, 1969 in New York. "Die Stonewall Riots waren ein Aufstand gegen massive staatliche Repressionen queerer Lebensweisen. Drag queens, butches und femmes, grösstenteils aus der Unterschicht oder aufgrund ihres nicht−normgerechten Verhaltens verarmt und obdachlos geworden, People of Color, Stricher, diejenigen, die überall sonst ausgeschlossen wurden und sich keine anderen Orte leisten konnten, lieferten sich anlässlich einer Razzia im Stonewall Inn eine dreitägige Strassenschlacht mit der Polizei" (www.queerrrstreetdays.de). Damals ging es unseren Schwestern und Schwestern in ihrem Kampf um ihr überleben. Dieser hat bis heute je nach politischer Situation eine unterschiedliche existentielle Dimension. In der Bundesrepublik ging es ursprünglich darum, sich gegen Kriminalisierung und Berufsverbote zu wenden sowie sich den öffentlichen Raum anzueignen.
Seit einigen Jahren wird die Kommerzialisierung und zunehmende Entpolitisierung dieser CSDs kritisiert. In Bremen (1994) und Hamburg (2001) kam es dabei zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Community. Einen traurigen Höhepunkt dieser Entwicklungen stellt die Organisation des CSDs 2004 in Bremen durch eine Event−Agentur aus Bayern dar. Lokale Gruppen sind an der Vorbereitung nicht beteiligt gewesen. Der CSD ist in diesem Fall endgültig zu einem überregional vermarktbaren Event−Konzept geworden. In den folgenden Absätzen präsentieren wir eine "work in progress" Perspektive auf die Möglichkeiten und Grenzen queer−feministischer Politiken, die mit einer Skizze dieser Politikformen beginnt, Auseinandersetzungen um die etablierten CSDs streift und mit einem Ausblick auf neue politische Gestaltungsmöglichkeiten endet.
Queer Theory befasst sich damit, wie normative Heterosexualität und rigide Zweigeschlechtlichkeit sich gegenseitig absichern und nicht nur Einzelne und Beziehungen, sondern auch gesellschaftliche Verhältnisse strukturieren. Auf allen drei Ebenen wird klar, dass sich queere Politik nicht ausschliesslich auf Sexualität und Geschlecht beschränken kann, sondern diese immer im Zusammenspiel mit anderen sozialen Unterscheidungsmerkmalen betrachten muss. Deutsches Eherecht ist bspw. nicht zum einen deutsch, zum zweiten heteronormativ, zum dritten rassistisch, sondern in seinem Rassismus heteronormativ und deutsch, in seinem Deutsch−Sein rassistisch und heteronormativ und in seiner Heteronormativität rassistisch und deutsch. Auch wenn dies häufig vernachlässigt wird, ist Rassismus ein entscheidendes queeres Politikfeld, das nicht − je nach weisser Befindlichkeit −hinzuaddiert oder weggelassen werden kann.
Trotz dieser unauflöslichen Verflochtenheit sind Geschlecht und Sexualität oftmals Ausgangspunkte queer/feministischer linksradikaler Politik: Sie wendet sich gegen die Zurichtung von Menschen gemäss der Geschlechter− und Sexualitätsnormen, gegen Diskriminierung derjenigen, die nicht der Norm entsprechen, gegen (hetero−)sexistische Hierarchien und Machtverhältnisse und gegen sexualisierte Gewalt. Queere Praxis sollte sein, das Problem nicht auf Seiten der Minorisierten² anzusetzen, sondern die Dominanzgesellschaft zum Problem zu erklären.
Die Live−übertragung der grossen CSDs lösen gemischte Gefühle bei uns aus. Wir lieben es, wir hassen es, schütteln unsere Köpfe, fangen an zu kreischen oder wenden uns mit Grausen ab. Das, was sich dort abbildet, hat kaum etwas mit uns oder anderen zu tun, die wir kennen. Unsichtbar werden die, die nicht fröhlich/überdreht sind und alle, die nicht als Schwul/Lesbisch bzw. Mann/Frau kategorisiert werden (können), sei es in Bezug auf Identitäten, sei es im Begehren. Dass Medien auf diese Weise funktionieren, ist nicht neu. Problematisch ist aber, dass kommerzialisierte CSDs die öffentlichen Bilder erschaffen, bedienen und verkaufen. Dies geschieht z.B., indem die OrganisatorInnen bestimmen, welche Wagen mit welchen Themen am Anfang fahren und welche Reden gehalten werden. Die in vielen Städten übliche Gebühr für die Teilnahme von Wagen sorgt dafür, dass nur zahlungskräftige Gruppen mitfahren können. Auf den Paraden und Kundgebungen sprechen PolitikerInnen und schwullesbische VIPs. Beiträge von Menschen, die bei der Arbeit diskriminiert werden, weil sie nicht dem normierten Geschlecht angehören oder von Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, die über ihre Situation sprechen, sind nicht zu hören.
Die von Medien, Werbung und der Szene selbst entworfenen Bilder wirken zurück in die Community und in die "Heterowelt". Während Lesben bisher in der medialen Abbildung noch keinen klaren Stereotypen unterworfen sind, funktionieren die beispielhaften Ideen über "knackige Schwule" mit einem Doppelsixpack als Bauchmuskulatur oder der "schrillen Tunte" mit dem extravaganten Modegeschmack auf zwei Ebenen: Zum einen sollen sie Identifikationsangebote bieten und die so "angerufenen" Personen dazu bringen, sich repräsentiert zu fühlen und der repräsentierenden Instanz (MTV, Firmen, Rathaus) Loyalität zu erweisen. Zum anderen stellen sie ein Feld der Zuschreibungen dar. Sie bieten verschiedene Varianten ein und desselben Abziehbildes. Hetero−Mainstream und Gaystream können schliesslich wissend darüber urteilen, wer dazu gehört und wer nicht und aus dieser abgesicherten Position Anerkennung zu− oder absprechen. Die Repräsentationsmacht, die sich aus dem Zusammenspiel von Medien und CSD−Organisation ergibt, grenzt aus und überblendet in schrillster Form.
Es geht nicht darum, eine "angemessene Repräsentation" aller zu fordern, da Repräsentation für uns bedeutet passiv zu sein, ein Objekt Anderer. Wir wollen uns stattdessen Möglichkeiten des Ausdrucks jenseits von "Repräsentation" nehmen: weg von den durch andere bestimmten Bildern und Rahmengrössen, hin zu selbstdefinierten Artikulationen. Eine sich selbstgestaltende und nicht zugeschriebene Differenz, in der sich vielfältige Konfliktlinien widerspiegeln, die widersprüchlich und unvereinbar bleiben. Sich dieser Herausforderung zu stellen, bedeutet einen Umgang mit Differenz als Produkt und Ausdruck von Machtverhältnissen neu zu denken.
Ein weiterer Kritikpunkt am CSD ist die zunehmende Kommerzialisierung. Obwohl von Beginn an kritisch beäugt, hat die erste auf eine überwiegend schwule Zielgruppe orientierte Werbung oft noch ein überrascht−erfreutes Lächeln hervorgezaubert. Mittlerweile wird die Gesellschaft der Kaffeetanten und Fischstäbchen−Verzehrer jedoch unangenehm: Beide verdanken ihre Existenz weniger dem hehren Inhalt, sondern dem Umsatzinteresse grosser Firmen. Und ein unter skrupellosen ausbeuterischen Bedingungen hergestellter Kaffee wird nicht geniessbarer, wenn ein metrosexuelles Wesen ihn serviert. Die aufdringliche Angewohnheit der dazugehörigen Konsumgut−DealerInnen, auf den grossen Wagen der Paraden Platz zu nehmen, macht ihre Präsenz mehr als lästig. Logos und Werbeschnäppchen überdecken auch noch die letzten politischen Inhalte und Transparente. Innerhalb der meisten CSD−Vereine ist der Gedanke üblich, man nehme Werbung und Sponsoring in Kauf, um der Community eine möglichst schöne, sprich teure, laute, grosse Parade oder Party bieten zu können. Dass auch Firmen nicht nur Geschenke machen, sondern im Gegenzug mal eben die Getränkepreise in Schwindel erregende Höhen steigen lassen, wird szeneknirschend hingenommen, wie die potenzielle Ausgrenzung aller, die sich dies nicht leisten können oder wollen.
Auch innerhalb der Community geht die Verteilung von Privilegien, von gesellschaftlicher Macht, von Zugang zu sozialen und politischen Rechten, von Geld immer weiter auseinander: Die, die richtig grossen Profit mit dem schwullesbischen Markt machen, andere, die mit ihrer schwullesbischen Nischen−Existenz gerade mal genug haben und schliesslich die, die sich ihre Teilnahme an schwullesbischen Veranstaltungen mühsam ansparen oder gar nicht leisten können.
Ein CSD ist beliebtes Aushängeschild für die aufstrebende Stadt von Heute. Dieser wird zur Bühne für die (wohl überwiegend schwullesbischen) Lobby−PolitikerInnen, deren frommer Wunsch die Anerkennung der eigenen Lebensweise durch die Dominanzgesellschaft ist. Mit diesem Bemühen um Integration schliesst die "Community" stillschweigend eine Menge Leute aus, die sich nicht integrieren lassen wollen oder können: Polygame Liebe wird nicht zur Ehe, Müllmänner keine Bürgermeister, der illegale Aufenthalt nicht zum deutschen Pass und HIV nicht zur Cellulite. Integriert werden diejenigen, die die Werte der dominanten Gesellschaft nicht in Frage stellen bzw. keine Kosten verursachen. Das gemeinsame CSD−Programm der CSD−Hochburgen in 2004 war einer solchen Integrationspolitik verschrieben, andere politische Inhalte gingen darin vollständig unter.
Queere Politiken fordern einen Perspektivenwechsel. Uns geht es nicht mehr nur um den Kampf gegen Diskriminierung, sondern um den gegen Normalisierung und Integration in die Dominanzgesellschaft. Die von einigen anti−rassistischen Gruppen aufgestellte Forderung „No integration“ könnte auch für die queere Bewegung richtungsweisend sein.
Seit Jahren fahren ungeliebte Gäste den OrganisatorInnen immer wieder in die Parade: 1994 wurde der CSD in Bremen im Wesentlichen von den Besitzern der grossen Bremer schwulen Discos und Kneipen veranstaltet. Einige Schwule organisierten kurzfristig einen Wagen, um die Kommerzialisierung des CSD anzuprangern und an die politischen und vor allem radikalen Ursprünge des CSD zu erinnern. Schon nach kurzer Zeit wurde der − nicht angemeldete − Wagen auf Aufforderung der Veranstalter von der Polizei aus dem Demozug geholt. Es kam zu Verhaftungen mit anschliessendem Gerichtsverfahren. ähnliches spielte sich auch 2001 in Hamburg auf dem CSD ab, als die OrganisatorInnen die Polizei riefen, um zwei unangemeldete Wagen der Gruppe "Abnormals Anonymous" aus der Parade zu entfernen. Auch hier kam es zu einem Gerichtsprozess (der mit Freispruch endete).
Eine Konsequenz aus der Begegnung mit der Staatsgewalt und der Ignoranz der offiziellen CSD Vereine gegenüber Kritik war die Organisation von alternativen Veranstaltungen in Städten wie Bremen (Initiative für einen anderen CSD, 1995; QUEERDANCE,1995−1998) und Hamburg (u.a. Queerrr Street Days, 2002; Allein unter Homos, 2004). Ansatzpunkt war, eigene inhaltliche Veranstaltungen zu präsentieren und sich nicht auf das Stören ungeliebter Kommerzveranstaltungen zu beschränken.
Dabei ging es immer darum, Geschlecht und Sexualität zum Ausgangspunkt einer Gesellschaftskritik zu machen, ohne dabei die Verquickung sozialer Kategorien wie race, class, gender und sexuality, die sich gegenseitig bedingen und hervorbringen, aus den Augen zu verlieren. Selbstorganisierung ohne Expertinnenranking und Profis, DIY (Do it yourself) statt Promis, Prunk und Promotion und kein Sponsoring von Firmen sind die ungeschützten Markenzeichen dieser "no label" Veranstaltungen gewesen.
Die queere Bewegung sucht seit einigen Jahren nach Aktionsformen, die politische Inhalte vermitteln, Spass machen und dabei den historische Bezug auf die Stonewall Riots nicht verlieren. Der CSD ist und bleibt ein spannendes übungsfeld, z.B. eine grosse Aktion gegen Heterosexismus und Normierung von Geschlecht. Eine Aktion, die auch innerhalb der Community wirkende Ausgrenzungsstrukturen im Blick hat und sich nicht scheut, sie zu benennen – trotz Feiertag.
In Masse auf der Strasse zu sein, anders sichtbar zu sein, die (Werbe−)Bilder in den Köpfen zurecht zu rücken, angstbesetzte Räume selbstbewusst betreten zu können, sie umzudefinieren, in ihnen handeln zu können, sich auszutauschen, Kontakte zu knüpfen, Bevölkerung aufzuklären oder zu irritieren, Rathäuser/ Redaktionen/Ausländerbehörden zu besetzen, das alles könnte ein CSD sein.
Der Niedergang der firmengesponserten grossen CSD−Paraden wird von uns mit Genugtuung erwartet. In unseren kühnsten Träumen werden Sponsoren−Gelder nicht mehr so üppig fliessen, weil die CSDs mit ihrer Kommerzialisierung nicht nur einen kleinen Teil ihres subversiven, wilden und − nur damit auch für die Wirtschaft − interessanten Charmes verloren haben. Ohne „Ursprünglichkeit“ hat die Community keinen Marketingreiz und damit wohl in naher Zukunft auch keine Firmengelder mehr. Wir dürfen gespannt sein, wann der erste CSD nicht mehr von der Stadtverwaltung, sondern von der Interessengemeinschaft der Kaufleute untersagt wird. Offen bleibt, ob nicht auch die Kommerzialisierung der CSDs nur eine Phase ist. Sich in der Vielfalt selbstgewählt auszudrücken, verlangt in Bewegung zu bleiben: aktuelle, politische Veränderungen zu beobachten; queer−feministische Analyse− und Politikinstrumente auf ihre Genauigkeit hin zu überprüfen, um mit ihnen das als Natürlich Gegebene sorgfältig auseinander nehmen zu können; sich auf den lokalen Kontext zu konzentrieren und dennoch nicht internationale Entwicklungen aus den Augen zu verlieren; Miniaktionen zu entwerfen, die eine subversive Tagesgestaltung bestärken und uns so aus unserer Isoliertheit katapultieren; im Alltag anzusetzen und darauf hin zu arbeiten, es sich bei der kommenden Revolution leisten zu können, das Tanzbein zu schwingen, zu einer beispiellosen Musik und mit nie geahnten Tanzschritten, deren Abfolge nicht vorbestimmt ist.
¹ Die writing worstfear queens sind eine in Bezug auf Alter, Geschlecht und Sexualität heterogene, in Bezug auf Weiß-Sein und deutsche StaatsbürgerInnenschaft homogene Gruppe von Menschen, die in der Vergangenheit queere Politik gemacht und/oder Theorie produziert haben, dies in der Gegenwart immer noch tun und/oder anstreben, dieses in Zukunft zu betreiben. Ferner eint sie ein Unbehagen an der derzeitigen Praxis von CSDs. Kontakt: www.queerrr-hamburg.org
²Alternative zum Begriff der Minderheit, um den Prozess zu verdeutlichen mittels dessen Gruppen und/oder Personen zur Minderheit erklärt werden.
Dieser Artikel ist zuerst in der femina politica Heft 1/2005, 14.Jg. "Queere Politik: Analysen, Kritik, Perspektiven" erschienen.